Wiederbelebter Orientalismus: Koloniales Denken in Kommentaren westlicher Analysten über die Ukraine

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2014/11/04 • Analytik und Meinungen, Deutsch

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  • Gus Guest

    Guest Argumentum ad homini ist nicht per se ein logischer Fehlschluss, sondern eine rhetorische Figur, die auch (!) missbräuchlich verwendet werden kann. Und in diesem Falle gelte bestenfalls das Recht auf Gleichbehandlung im Unrecht (siehe tu quoque-Argument). Damit wird schon mal ein Ausgangsstatements methodischer Art des Artikels in Zweifel gezogen. Ein grundsätzlicher Schwachpunkt der Argumentation des Artikels ist es, phänomenologisch (ich meine das pejorativ, also oberflächlich) Staaten als Subjekte (oder auch Völker) einzuführen, die monadisch in der Argumentation herumgeistern – Nationalismus als Logos. Man kann das sicher tun (dafür findet sich vermutlich auch eine rhetorische Figur oder logischer Irrtum) und stützt damit euromaidanistische Überzeugungen. Aber dieser Argumentationsweise geht über die wirklich handelnden Subjekte (Klassen, Schichten, Interessengruppen, …) innerhalb der Staaten, Länder, Völker hinweg, deren Relationen zueinander das Verhalten der Monade ausmacht. Und die völkerrechtliche Ebene – die nun traditionell mit einem Subjekt Staat agiert? Gab es eine wie auch immer geartete Übereinkunft, die eine Expansion der NATO nach Osten “verbot”? Die wurde einem damals schon als schwach agierenden Russland/GUS/Sowjetunion zur Beruhigung angeboten, damit es das Maul hält mit der nicht unberechtigten Hoffnung, dieses russische Staatsgebilde unter Gorbatschow, Jelzin bliebe schwach. Und nun gibt es die Person Putin, die als Brennpunkt von russisch-oligarchischen Interessen auf diese Übereinkunft beharrt. Das damals die osteuropäischen Staaten nicht gefragt wurden, mag man als Orientalismus desavouieren – ich nenne es Ausdruck realer Kräftekonstellationen. Internationale Politik folgt eben nicht der Theorie kommunikativen Handelns (zumindest was deren sozialdemokratisch-politische Implikation angeht). Und deshalb sind eben die Balten und Polen heute die Scharfmacher in der EU-Russlandpolitik (wenn ich jetzt mal monadisch werden darf). und das ist ja auch das, was der Artikel intendiert – anzuerkennen, dass die osteuropäischen Staaten gefälligst Akteure sein müssen.