Putin und der Front National – die russischen Netzwerke der Le Pens

Der russische Ultranationalist Wladimir Schirinowski (r.) feiert seinen Hochzeitstag mit Jean-Marie Le Pen (Foto: Shone NesicV./SIPA)

Der russische Ultranationalist Wladimir Schirinowski (r.) feiert seinen Hochzeitstag mit Jean-Marie Le Pen (Foto: Shone NesicV./SIPA) 

2014/10/30 • Deutsch, Russland

Von Vincent Jauvert, Nouvel observateur, 26. 10. 2014

Die Familie Le Pen – zunächst Jean-Marie, dann Marine und Marion – haben schon immer Kontakte und Freundschaften in Russland gepflegt. Der Front National (FN) ist der Brückenkopf des Regimes Putin in Frankreich. Und die Gegenleistung?

Es war der vergangene 12. Juni, in einem Empfangssalon des Bunkers, in der russischen Botschaft zu Paris. Sakuski (russische Antipasti) und Wodka auf Eis wurden gereicht, um den russischen Nationalfeiertag zu begehen. Die Atmosphäre war herzlich und der Raum gerammelt voll. Die Crème de la Crème der Diplomaten ist da, genauso wie französische Künstler und Geschäftsleute. [A.d.Ü.: der 12. Juni, 1990 von Boris Jelzin als „Unabhängigkeitstag“ Russlands – von der Sowjetunion – ins Leben gerufen, ist heute der Nationalfeiertag.]

Plötzlich öffnet sich eine Tür, Gemunkel nimmt zu. Marine Le Pen und ihre Nichte Marion, die junge Abgeordnete des FN, nähern sich majestätischen Schrittes. Der urwüchsige Botschafter Orlow empfängt sie mit verständnisinnigem Lächeln. Zuletzt haben sie sich öfter in privatem Rahmen getroffen, doch jetzt ist es das erste Mal, dass sich die Le Pens und Putins Emissär in Frankreich zusammen in der Öffentlichkeit zeigen. Das ist eine bedeutende politische Allianz, die diskret eingefädelt wurde. Diese kann das Gesicht des Alten Kontinents verändern, seit mehreren Monaten setzt der Kreml auf den Front National. Er hält diesen für fähig, den Lauf der europäischen Geschichte zu Gunsten Moskaus zu drehen.

In den Augen der russischen Machthaber verstärken die Begegnungen mit den Führern der rechtsextremen Parteien deren Entzücken. Schließlich werden sie von  einer Großmacht umworben.

„Es ist wahr, ich gehe oft in die russische Botschaft“, räumt Marion Maréchal-Le Pen ein, „meine Tante hat mich dazu ermutigt“.

Die Präsidentin des FN ist Putin bedingungslos ergeben. In der russischen Presse bekennt sie sich zu ihrer Loyalität gegenüber dem ehemaligen KGB-Oberst, ihren östlichen Großen Bruder, den sie „verehrt“. Sie verehrt ihn so sehr, dass sie sich wünscht, „dass Frankreich die NATO verlässt und eine militärische Allianz mit Moskau eingeht“. In den letzten Monaten war sie weitere zwei Mal in Moskau, und ihr Vater war im Oktober dort. Aber Achtung, wie Marion, wie um zu verstecken, wie peinlich berührt sie ist, „wir sind keine Agenten Moskaus“.

Was also ist die Natur der enger und enger werdenden Verbindungen, die diesen Familienclan mit Putin vereinen? Dank der Zeugnisse der drei Damen Le Pen und anderer, aufgezeichnet besonders in Russland, haben wir die Geschichte dieser verwirrenden Beziehung rekonstruieren können, die vor beinahe einem halben Jahrhundert in einer Bar begann.

Dämonische Freundschaften

Alles beginnt im Quartier Latin, mitten im Mai `68. Ein junger und talentierter Moskauer Maler, Ilja Glasunow, ist in Paris angekommen. Der Künstler, in seiner Heimat bereits berühmt, ist eine dämonische Persönlichkeit. Er bezeichnet sich als Monarchist, der Kreml bezeichnet ihn sogar als „Antisemiten“. Trotzdem beurteilt ihn das kommunistische Regime als nützlich und fördert ihn.

In Frankreich ist Glasunow somit auf einer Mission: Er soll französische Persönlichkeiten identifizieren, die der Kreml daraufhin verführen möchte – die anspruchsvollste: General de Gaulle. Doch sein Pariser Abenteuer nimmt einen anderen Verlauf.

Bis heute hat sich der mittlerweile 84-jährige Ilja Glasunow die Manieren eines Dandy bewahrt – genau wie seine graue Künstlermähne und seinen Nadelstreifenanzug. In Russland wird er vergöttert. Er empfängt uns in jenem Museum, das seinen Namen trägt und das von Putin 2004 eingeweiht wurde. Zum ersten Mal erzählt er von seiner Begegnung mit Jean-Marie Le Pen.

„An einem Sommertag im Jahr 1968 hat ein französischer Kumpel mich in ein Café gegenüber der Sorbonne mitgenommen, das von einem russischen Sänger betrieben wurde. Dort war auch ein junger Mann, der Schallplatten mit Gesängen der Nazis und des kaiserlichen Russland herausgebracht hatte. Er verehrte mein Land. Wir sind bis heute Freunde geblieben.

Mangels des Generals (de Gaulle), den er niemals getroffen hat, verewigte er Minister wie Edgar Faure und Louis Joxe, aber auch … Pierette Le Pen, die soeben Marine zur Welt gebracht hatte („ich habe sie im Arm gehalten“, prahlt der Künstler). Er portraitiert außerdem seinen Freund Jean-Marie als Fallschirmjägeroffizier. Das Portrait prangt immer noch im Flur des Le Pen’schen Herrenhauses in Saint-Cloud.

Fünf Jahre lang haben Ilja und Jean-Marie korrespondiert und gelegentlich telefoniert. 1991, während der ersten Reise von Le Pen nach Moskau, sehen sie sich wieder. Glasunow beseelt mittlerweile Pamjat, eine mächtige antisemitische Bewegung, die die Kommunisten wachsen und gedeihen ließen und die eine hübsche Anzahl der russischen, nationalistischen Führer von heute hervorbringt.

Im Verlauf seiner Reise verfällt der Präsident des Front National einer anderen einheimischen Diva der extremen Rechten. Wladimir Schirinowski. Auch er wird unter der Hand vom KGB kontrolliert. Was jedoch viel wichtiger ist: der Clown Schirinowski ist frankophon und ein Bonvivant [A.d.Ü.: „Französisch sprechen“ kann so manche*r, „frankophon“ geht darüber hinaus: wer „frankophon“ ist, ohne Muttersprachler zu sein, fühlt sich der französischen Sprache und Kultur in besonderem Maße verbunden]. Zwischen „Schirik“, für den in Russland „zu viele Juden“ prosperieren und „Jean-Marie“, für den die Gaskammern nur „ein Detail der Geschichte“ sind, bahnt sich eine Romanze an.

Ein allgegenwärtiger KGB

Im darauffolgenden Jahr frühstücken sie zusammen im Haus der Le Pens in Montretout. „Schirik“ kommt mit einem seiner frankophonen Assistenten, Eduard Limonow, dem Schriftsteller, der der Held eines Buches von Emmanuel Carrère wurde. [A.d.Ü.: der Gründer der Nationalbolschewistischen Partei, Limonow, wie so mancher extrem links abgesprungen und extrem rechts gelandet, hat als exilierter sowjetischer Dissident einige Zeit in Paris gelebt. Emmanuel Carrère ist der Sohn der berühmten, georgischstämmigen Historikerin Helène Carrère d’Encausse, geb. Zourabichvili, einer Cousine der früheren französischen Diplomatin und georgischen Außenministerin Salome Surabischwili].

Als ich bemerkte, dass das Portrait im Vorraumvon von Glasunow signiert war, war Le Pen entzückt“, erinnert sich Limonow.

1996 lädt der russische Extremistenführer seinen französischen Freund zu seiner Silberhochzeit in einem Vorort Moskaus ein. Achtzehn Jahre später erinnert der Ehrenpräsident des FN sich, immer noch geblendet, an die Liebesmähler unter strenger Bewachung.

    „Das prächtige Fest wurde von einem Bataillon des FSB bewacht.“

Doch ihre Liebe verkümmerte. Nach der Machtübernahme durch Putin im Jahr 2000, versteht „Jean-Marie“, dass Schirik nicht mehr das richtige Pferd ist. Der Kreml setzt auf eine andere, verlässlichere Partei der extremen Rechten, die sich erhebt, um die Stimmen der Nationalisten abzusaugen: Rodina, „Vaterland“.

Jean-Marie Le Pen wirft sich in Montretout vor einem Bild in Pose, dass ihn als Fallschirmjäger zeigt und 1968 von Ilja Glasunow gemalt wurde. [A.d.Ü.: Le Pen diente als Fallschirmjäger auch in Algerien. Gegen ihn erhobene Foltervorwürfe aus jener Zeit wurden bis heute nicht geklärt. - Quelle: http://goo.gl/nieQ1r]

Jean-Marie Le Pen wirft sich in Montretout vor einem Bild in Pose, dass ihn als Fallschirmjäger zeigt und 1968 von Ilja Glasunow gemalt wurde. [A.d.Ü.: Le Pen diente als Fallschirmjäger auch in Algerien. Gegen ihn erhobene Foltervorwürfe aus jener Zeit wurden bis heute nicht geklärt. – Quelle: http://goo.gl/nieQ1r]

Und voilá – als Le Pen 2003 nach Moskau zurückkehrt, ist er im Besitz einer Einladung von einem der Gründer dieser neuen Bewegung, Sergej Baburin (heute Vize-Präsident der Duma). Für Le Pen wurde  wurde gesorgt. [A.d.Ü.: Sergej Baburin war auch maßgeblich am Zustandekommen jener Konferenz 2009 in Moskau beteiligt, an der auch u.a. Lyndon LaRouche, Jürgen Elsässer und Israel Shamir teilnahmen.]

„In jenem Jahr haben wir in einer Woche die Großfürstentour gemacht, Jany und ich“, amüsierte sich der Gründer des Front National: eine Kreuzfahrt in St. Petersburg, ein Mittagessen in der Akademie der Wissenschaften, ein Abendessen in der Schriftstellerunion“. [A.d.Ü.: Jany, geb Paschos, ist die zweite Frau Le Pens, die „Großfürstentour“ spielt an auf die opulenten Vergnügungsreisen des russischen Hochadels im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, die stets an die angesagtesten Orte von Paris führten und bei denen Geld keine Rolle spielte.]

Und dann, ganz privat, trifft der Führer der französischen extremen Rechten, der soeben Jacques Chirac im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen in Schwierigkeiten gebracht hat, wichtige politische Persönlichkeiten aus dem Umfeld des russischen Präsidenten.

„Ich habe lange mit Vater Tichon, dem Beichtvater Putins diskutiert. Und mit einem alten Mann, der Frankreich sehr gut kennt und absolut Wert darauf gelegt hat, mich zu sehen: Wladimir Kjrutschkow, der ehemaligen Vorgesetzte von Putin [A.d.Red.: Chef des KGB von 1988 bis 1991. Derselbe der auch Schirinowski „erschaffen“ hat.]

Worüber haben sie denn gesprochen? Le Pen weicht aus.

Der Chef des FN missfällt den neuen Herren im Land, Wladimir Putin und seinen Freunden nicht, und so kommt er im Juni 2005 nach Moskau zurück, schon wieder auf Einladung der nationalistischen „Rodina“- Bewegung. Es ist sein Geburtstag, und so bekommt er ein Geschenk: eine Maschinenpistole! „Ein Modell vor der Kalaschnikow“, präzisiert Le Pen, der sie stolz herzeigt. Und danach erlaubt man ihm – oh, höchst seltener Vorzug! – die Privaträume des russischen Präsidenten im Kreml zu besuchen. Sie wurden renoviert von seinem alten Freund Glasunow, der zum Maler und Anstreicher des Regimes wurde.

„Im Kreml wurden Ilja und ich von einem Oberst des FSB begleitet.“

Der Putin-Clan hätschelt Jean-Marie Le Pen, doch achtet darauf, sich nicht allzu sehr an ihn zu binden. Frequentierte man ihn allerdings zu oft, so riskierte man, das Missfallen der französischen Präsidenten zu erregen: Jacques Chirac, danach Nicolas Sarkozy, die dabei waren, strategische Übereinkünfte mit den russischen Machthabern einzufädeln. Dieselbe Haltung nahm man zunächst gegenüber Marine Le Pen ein, die ihren Vater Anfang 2011 an der Spitze des Front National ersetzt hatte.

Eine gemeinsame Ideologie

Jedoch: Schon vor den Ministerpräsidenten und ohne Mandat fängt die Erbin an, den Kreml zu bezirzen. In einer russischen Tageszeitung verkündet sie ihre Liebe zu Putin und seinem autoritären Regime.

„Die Krise gibt uns die Möglichkeit, Amerika den Rücken zuzudrehen und uns Russland  zuzuwenden.“ sagt sie.

Im Jahr darauf, während der Präsidentschaftswahlen, hätte sie gerne von ihrem Idol den Ritterschlag bekommen. Sie bemüht sich, ihn zu treffen – doch vergeblich. Die Präsidentin des FN bedauert: „Ein Mittelsmann hatte mir vorgeschlagen, einfach zu reisen, doch das war nicht ernst gemeint.“

Doch die Idee einer offiziellen Zusammenkunft mit der neuen Chefin des FN drängte sich in Moskau schnell als unabweisbar auf. Alles weist darauf hin. Zuerst eine gemeinsame Ideologie. Seit seiner Rückkehr in den Kreml im Jahr 2012 inszeniert Wladimir Putin sich als Bollwerk des „christlichen Europa“ gegen „westliche Dekadenz“ und „amerikanisches Hegemoniestreben“ – Themen, die der französischen extremen Rechten lieb und teuer sind.

„Der Wertekanon, den Putin verteidigt, ist der gleiche, den auch wir haben“, begeistert sich Jean- Marie Le Pen.

Marie selber preist das „Zivilisationsmodell“ des neuen Russland an. Die Verschlechterung der diplomatischen Spannungen zwischen Paris und Moskau erklärt den Rest.

Neue Vermittler in Frankreich

Kaum im Amt, kritisiert François Hollande die Position des Kreml zu Syrien auf das Heftigste, die Ministerbesuche werden seltener, der französisch-russische Dialog versiegt. Der Kreml benötigt neue Vermittler in Paris. Botschafter Alexander Orlow und sein für die französischen politischen Parteien zuständiger Berater, Leonid Kadyschew, schlugen vor, es mit Marie Le Pen und ihrer Bewegung zu wagen. Der Kreml segnete ihnen das ab!

Im Sommer 2012 halfen sie beim Internet-Start eines Fernsehsenders, den sich die alten Kader des FN ausgedacht hatten: ProRussia.tv [A.d.Ü.: Der Sender kündigt auf seiner Startseite an, am 27.11.2014 seinen Dienst einzustellen und empfiehlt seinen Zuschauer*innen, sich zukünftig beim neuen französischen Dienst von Russia Today zu informieren], offen prorussisch, wie der Name ja schon sagt.

Der Direktor des Senders, Gilles Arnaud, ein Gefolgsmann von Bruno Gollnisch [A.d.Ü.: Gollnisch führte 2007 die rechtsextreme Fraktion  Identität-Tradition-Souveränität, ITS   in Europaparlament, geriet jedoch in die Kritik, da man ihn wegen Holocaustleugnung verurteilt hatte – das Urteil wurde jedoch 2009 aufgehoben], berichtet:

„Durch die Vermittlung von Botschafter Orlow haben wir mit den russischen Staatsmedien, darunter Itar-Tass, einen Vertrag geschlossen. Man hat uns im ersten Jahr 115.000 Euro gegeben, im darauf folgenden 300.000.“

Der Sender, der regelmäßig Führer der extremen Rechten einlädt, sendet die Kreml-Propaganda in Französisch.

„Wir haben noch nie Probleme mit der CSA [A.d.Ü.: oberste Regulierungsbehörde für Funk und Fernsehen in Frankreich] gehabt, denn unsere Server stehen in Russland“, so Gilles Arnaud.

Charmeoffensive

Orlow und Kadyschew empfangen regelmäßig – und diskret – die Führer des FN in der Botschaft oder der Residenz des Boschafters. Die Le Pens verstanden die Botschaft und auch sie multiplizierten ihre Charmeoffensive. Im Dezember 2012 reiste Marion Maréchal-Le Pen, die Mitglied einer französisch-russischen Freundschaftsgruppe in der Nationalversammlung ist, zum ersten Mal (und alleine) außerhalb der EU – nach Moskau. Sie wird durch den Präsidenten der Duma, Sergej Narischkin, zu einer interparlamentarischen Begegnung eingeladen und ist dort die einzige französische Abgeordnete.

Zum Mittagessen feiert Marion dort ihren 23. Geburtstag. Narischkin bittet seine Gäste (unter ihnen den guten, alten Schirik), ein donnerndes „Happy birthday“ anzustimmen. Auf dem Rückweg stimmt die jüngste Abgeordnete einem langen Interview mit ihren Freunden von ProRussia.tv zu, in dem sie erklärt:

„Russland wendet sein Wohlwollen dem FN zu – unter allen Umständen, wie ich hoffe…“

Alles ist somit für einen Besuch ihrer Tante, Marine, bereitet – den ersten. Er findet im Juni 2013 statt und beginnt mit einem mysteriösen Kolloquium mit dem Titel: „Moral und Demokratie“ und findet statt … auf der Krim.

„Ein Zufall“, so versichert die Präsidentin des Front National, die einige Monate später die Annexion der Halbinsel unterstützen wird.

In Moskau wird Marine Le Pen mit großem Pomp vom unvermeidlichen Duma-Präsidenten Sergej Narischkin empfangen. Sie begegnet auch einem der Vize-Premiers, dem „Minister für den militärisch-industriellen Komplex”, Dimitri Rogosin. Und das ist nicht zufällig. Rogosin [A.d.Ü.: Ehemals Botschafter bei der NATO in Brüssel], ist ein Freund des Malers Glasunow und einer der Gründer der nationalistischen Partei „Rodina“, die Jean-Marie einige Jahre zuvor eingeladen hatte. In der angesehenen Universität Mgimo Marine Le Pen richtete auch ein leidenschaftliches Loblied an das Regime von Präsident Putin. Sie huldigte dem „lieben Ilja Glasunow“ und versicherte die russischen Machthaber ihrer „Loyalität“.

Unterstützung oder Lehnsverhältnis?

Diese „Loyalität“ bewies sie neun Monate später, während der Annexion der Krim. Am 16. März organisierten die Separatisten auf die Schnelle ein Referendum. Moskau benötigt nachsichtige „Beobachter“. Die europäische extreme Rechte, und besonders der Front National, wurde gebeten, zu bescheinigen, dass die Abstimmung rechtmäßig war. Marine Le Pens Berater für internationale Angelegenheiten, Aymeric Chauprade, begab sich auf die Krim.

Wer ihn eingeladen hat? „Russische Freunde“, wich auch er aus. Am Abend erklärte er im russischen Fernsehen, alles sei regelkonform verlaufen. Auftrag ausgeführt.

Danach flog er Richtung Moskau aus, wo er, rein zufällig, an einer geschlossenen Konferenz mit dem Finanzier der Separatisten, dem Oligarchen Konstantin Malofejew teilnahm, laut Chauprade „ein Freund“. Die geheime Diskussion fand statt in einem Saal – des Museums Glasunow.“ Malofejew mietet diesen Saal jeden Monat für Treffen mit seinen europäischen Partnern, so der alte, nationalistische Maler. In der Folgezeit kehrte Chauprade mindestens noch zweimal nach Moskau zurück. [A.d.Ü.: Malofejew hat 2014 noch mindestens zwei weitere Treffen in Europa, eines in Wien, eines in Stockholm finanziert.]

Auch Marine Le Pen zeigt Eifer. Die Annäherung nimmt Fahrt auf. Am 12. April 2014, weniger als einen Monat nach der Annexion der Krim, kehrt sie in die russische Hauptstadt zurück. Ein Solidaritätsbesuch – einige reden von Treueschwur. Sie trifft sich nicht jedes Mal mit Putin, doch mit dessen Freund Narischkin und dem Vorsitzenden der Kommission für Auswärtige Angelegenheiten der Duma. Beide können, infolge der Sanktionen, nicht mehr nach Europa einreisen.

Fünf Tage später wird sie entschädigt: Im russischen Fernsehen gratuliert Präsident Putin zum „Erfolg von Marine Le Pen“ bei den Kommunalwahlen in Frankreich. Und im Juni kündigt die Kreml-Partei „Einiges Russland“ an, sich offiziell mit dem Front National assoziieren zu wollen (alles unter Beibehaltung ihrer Bande mit der (Sarkozy-Partei) UMP).

Ein Darlehen aus Russland?

Gibt es andere Gegenleistungen für diese Marine Le Pen zugeschriebene Loyalität? Nach einer eventuellen Finanzierung ihrer Partei durch Moskau befragt, weicht die Präsidentin des FN aus:

    „Ich verstehe Ihre Frage nicht, das wäre doch verboten.“

Später erwähnt sie indirekt eine Möglichkeit.

„Unsere Partei hat alle französischen Banken um einen Kredit gebeten, doch keine hat akzeptiert. Somit haben wir verschiedene Einrichtungen im Ausland, in den USA, in Spanien, und, ja, auch in Russland gefragt. Wir warten auf Antwort.“

Welche russische Bank? „Das weiß ich nicht, damit beschäftigt sich der Schatzmeister unserer Partei. Und der erzähle ihr nichts. Und dann präzisiert sie – als ob man jemals daran gezweifelt hätte:

    „Wir haben natürlich vor, den Kredit zurückzubezahlen.

Jean-Marie wird Ende Oktober nach Moskau zurückkehren. „Ich werde einen Boxkampf ansehen“, erklärt er. Wer hat ihn eingeladen? „Russische Freunde“. Welche? Das will er nicht beantworten. Er verrät nur, dass er auch seinen lieben Ilja wiedersehen wird, der immer davon träumt, Marine zu malen.

Autor: Vincent Jauvert

Quelle: Nouvel observateur, 26. 10. 2014

Übersetzung: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

Titelbild: Der russische Ultranationalist Wladimir Schirinowski (r.) feiert seinen Hochzeitstag mit Jean-Marie Le Pen (Photo: Shone NesicV./SIPA)

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