Dmitry Gluchowskij – “Sie sind keine Patrioten”

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2014/09/07 • Deutsch

Bildunterschrift – Titelblatt der russischen Ausgabe von Metro 2033 – unbeabsichtigt zu diesem Text passend.

Von Dmitry Gluchowskij –eine Kolumne in snob.ru
übersetzt aus dem Russischen von Irina Schlegel

Ausschnitte aus einer Diskussion.

“Sie haben sich Patrioten genannt, und uns – Liberale. Und wir haben uns damit einverstanden erklärt, sind resigniert, haben diese Aufteilung gefressen, diese Gegenüberstellung, als ob das alles auch so ist, als ob es das eine oder das andere gibt, als ob ein Liberaler zu sein, kein Patriot seines Landes zu sein bedeutet …“

Für mich bedeutet, Russland zu lieben, ihm das gleiche ökonomische Wunder zu wünschen, wie es ein deutsches, japanisches oder chinesisches war. Russland zu wünschen, zurück in der Liga der Weltmächte zu sein, und von den Bananenrepubliken wegzukommen. Ein Patriot zu sein bedeutet alles zu tun, damit jeder Bürger meines Landes sich beschützt fühle – in erster Linie vor dem Staat, erst dann – vor den anderen; damit er sich im morgigen Tag sicher ist, gebildet und gesund. Mein Traum ist ein starkes einheitliches Russland, wo nicht die Korruption, sondern das Gesetz regiert. Dessen grosse Kultur und starke Wirtschaft seine Nachbarn und die Länder der Dritten Welt anzieht. Und als Basis dafür: die Freiheit jedes Einzelnen und die Freiheit des ganzen Volkes. Ich bin für die Freiheit, darum bin ich ein Liberaler. Aber warum bin ich denn deswegen kein Patriot?

Patrioten sind diejenigen, die den Anschluss der Krim unterstützen? Aber dieser Schritt hat uns die Beziehungen zu der ganzen zivilisierten Welt gekostet. Es hat uns einen neuen Eisernen Vorhang, eine zerstörerische wirtschaftliche Isolation und die Verwandlung in einen Pariastaat beschert, der, anstatt in der UNO, bald in einem Club der Kannibalen wie Syrien, Venezuela oder Nordkorea sein wird. Freuen kann man sich hier nur über eins: im Kannibalenclub werden wir keine Vorsitzenden sein. Ihr seid keine Patrioten, ihr seid Troglodyten, die ihr Leben keinen Schritt durchrechnen wollen und können.

Patrioten sind diejenigen, die für die Erschaffung von “Neurussland” und für den Zerfall der Ukraine sind? Weil Ihr angeblich die UdSSR wiederherstellt? Nein, mit dem Krieg gegen die Ukraine beerdigt Ihr die Hoffnung, Russland eines Tages in seine alten Imperiumsgrenzen zu bringen. Ihr bringt unser engstes Brudervolk für Jahrhunderte gegen uns auf, und verschreckt alle anderen Völker, die uns umgeben. Ihr schubst die Ukrainer selber in die Arme der NATO – Ihr, Ihr selbst!

Ihr verdammt uns zum lebenslangen Haft in der grössten Einzelzelle der Weltgeschichte. Ihr zerstört all unsere Hoffnungen auf ein grosses, modernes Russland in seinen alten Grenzen. Ihr seid keine Patrioten, ihr seid nur nostalgierende Tattergreise!

Patrioten sind diejenigen, die den Vorgeschmack auf den Zweiten Kalten Krieg bekommen, die danach lechzen, mit dem Westen für die Niederlage im Ersten abzurechnen? Alle, die sich permanent an den verdammten USA messen, mit allem: mit der nationalen Würde, mit der Länge der Raketen, mit dem Ausmaß an Kriegsverbrechen? Alle, die immer fragen: wenn Amerika das darf, warum dürfen wir es nicht? Na, weil Amerika wirtschaftlich einfach achtmal so stark ist, weil Amerika die stärkste Armee der Welt hat, weil Amerika, trotz all seiner ungerechten Kriege, die Unterstützung seines großen Verbündetenblocks hat? Und wir treiben unser Land in eine wirtschaftliche Sackgasse, lassen uns von unseren Handelspartnern scheiden, terrorisieren unsere Nachbarn, bauen ein neues Imperium aus dem Meeressand. China hatte darauf gewartet, dass seine Wirtschaft um das fünfzehnfache wächst, bevor es angefangen hat, die Rückkehr der Imperiumsambitionen auch nur anzudeuten. Und wir fangen den Imperiumsaufbau mit einem nackten Arsch an, und unsere Aktiva sind nur eine Euphorie der TV-Antidepressanten. Und dieser hosenlose, sandige Imperialismus wird so enden, wie es üblicherweise endet. Mit einem Kollaps! Ihr wollt die Kräfte unseres Vaterlandes mit einem neuen Rüstungswettkampf zermürben, wie es vor nur einem Vierteljahrhundert gewesen ist, Ihr wollt wieder die Planwirtschaft, die zweitagelangen Schlangen nach Fleisch, die Volksaufstände und den Regierungssturz! Ihr seid keine Patrioten, ihr seid im Wald verlorene Partisanen, die ein halbes Jahrhundert später noch immer Züge zum Entgleisen bringen!

Patrioten sind diejenigen, die jedes Wort und jede Handlung des heutigen Regimes rechtfertigen, um seine Vorzüge nicht zu verlieren, um am Futternäpfchen zu bleiben, denn in unserem Land ist das beste, wenn nicht das einzige Geschäft nur zu machen, wenn man sich an die Blutadern des staatlichen Geldes anschmiegt. Euch ist es doch scheißegal, wer im Kreml sitzt, euch ist es egal, ob man sich am Ostern bekreuzigt oder eine Ramadanfastenzeit einhält, egal, ob wir eine Demokratie oder Monarchie haben. Das wichtigste ist, daß die Blutadern möglichst nah sind, und nicht schlaff werden, damit das bläuliche Venenblut der Staatsbudgetinfusionen näher an euren Saugknopf kommt. Ihr seid keine Patrioten. Ihr seid Blutegel!

Wer ist noch ein Patriot? Diejenigen, die ein Putin T-Shirt anziehen? Ihr seid TV-Opfer. Diejenigen, die über ihre Bereitschaft anstatt des Parmesans Kartoffel zu fressen und nie nach Frankreich zu reisen, schreien? Ihr seid debil!

Es gibt effektive Staatsmodelle. Trotz der Unterschiede stützen sich alle auf eins: auf die Freiheit des Menschen! Auf seine gesellschaftliche, politische, geschäftliche, persönliche Freiheit! Länder, die jedem Menschen die Freiheit und die Verantwortung für sein Leben übergeben, sehen ein Aufblühen der Wirtschaft und der Kultur. Beispiele: Europa, USA, Japan und sogar China, dessen Sprung nicht mit der Obskurität von Mao zusammenhängt, sondern mit der wirtschaftlichen Liberalisierung von Deng Xiaoping.

Und dann gibt es uneffektive Modelle. Die auf einer Unterdrückung der persönlichen Initiative gegründet wurden, auf Volksverblödung, auf allgemeiner Korruption, auf einer parasitierenden Wirtschaft, auf Klüngelei und Sippenhaftigkeit der Regierenden, auf Auswechslung der Freigeistigkeit durch ideologische Stempel. Die Länder, die das Individuum unterdrücken, die Freiheit durch Ordnung ersetzen, stagnieren und degradieren. Und wenn sie in der Vergangenheit Jahrhunderte lang existieren konnten, so kann es in unserer sich schnell entwickelnden Welt jede Entwicklungsverzögerung zu einer reißenden Degradierung des Landes führen. Beispiele: Iran, Venezuela, Nordkorea.

Es gibt keinen besonderen Weg Russlands. Den besonderen Weg- den Juche – gibt es in Nordkorea. Und wir sehen (oder sind noch fähig, es zu sehen), wo er die Nordkoreaner hin geführt hat. Wir aber müssen zwischen der Freiheit und der Gefangenschaft wählen. Zwischen der Zukunft und der Vergangenheit. Und ein echter Patriot muss die Zukunft wählen.

Es wird versucht, uns zu überzeugen, daß die Liberalen Russland auseinanderfallen lassen. Nein, das Imperium wurde durch den Raubkapitalismus zerstört, der nicht auf Freiheit oder ehrlicher Konkurrenz basierte, sondern auf feudal-kriminellen Prinzipien.

Es wird uns gesagt, daß der liberale Westen Russland ausrauben will. Aber erst nach der Einführung der Sanktionen werden wir erfahren, daß unsere grössten Firmen, und sogar unser ganzer Staat nur auf Pump lebt, vom Geld des verdammten Europa.

Nichts Besonderes: wir werden wieder nur angelogen.

Wir werden Liberasten (Schmähbegriff; Kombination aus „Liberale“ und Päderasten“) und Russophobe genannt, auch wenn wir unserem Vaterland Prosperität, Befreiung von der Korruption, ein Leben nach Gesetz, Recht und Freiheit für jeden Menschen, nicht nur für den Systemmenschen, wünschen, wenn wir uns eine Integration in die zivilisierte Welt wünschen, wo Russland eine große, freie, demokratische Macht wäre. Ja, ich möchte, daß mein Land wie die USA ist, und mit Amerika auf gleichberechtigter Grundlage im Wettbewerb steht, und was ist bitte daran russophob?

Ich liebe Russland, und darum wünsche ich ihm alles beste. Und darum beschimpfe ich auch die, die es heute leiten: den einen Hinterlistigen und alle seine arglosen Klassenkameraden. Eine Gruppe der im Grunde zufälligen Menschen, mit denen ich meine Heimat nicht gleichsetzen will und nicht werde.

Sollen doch alle, die sich heute “Patrioten” nennen, mal zur Seite rücken. Sie haben Haufen viel genauere Bezeichnungen: Nazis, Chauvinisten, Obskuranten, Populisten, Reaktionäre.

Nur die Definition “Patrioten” ist von uns besetzt!

Teilnehmer der Diskussion: Alexander Dubinkin, Alexander Goldfarb, Sergej Kondraschov, Michael Arkadjev, Sergei Kutscherow, Sergei Muraschow, Wjatscheslaw Kuznezov, Sergei Fedulov, Alex Losett, Marina Saidukova, Sergei Oschitsch, Artem Sarafanov, Inna Popolitova, Ekaterina Demtschenko, Marina Romanenko

Quelle: http://www.snob.ru/selected/entry/79770

übersetzt aus dem Russischen von Irina Schlegel, Erstveröffentlichung auf Facebook am 16. August 2014 (veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Übersetzerin)

Über den Autor und die Quelle:

Dmitri Alexejewitsch Gluchowski, *12. Juni 1979 in Moskau, ist ein russischer Journalist, Radiomoderator und Science-Fiction-Autor, dessen Erstling, der dystopische (=negativ utopische) Roman „Metro 2033“ in einem durch einen Nuklearkrieg verwüsteten und im weltweiten nuklearen Winter befindlichen Moskau spielt: da die Erde unbewohnbar geworden ist, haben sich die Menschen in das – ebenfalls teilweise zerstörte – U-Bahn-Netz zurückgezogen. Der Roman und seine Sequels wurden als multimediales Kunstprojekt inszeniert. Danach schrieb er unter Anderem noch satirische Texte: „Märchen aus dem Mutterland. Sein aktueller Roman, Futu.re ist soeben in deutscher Übersetzung erschienen. Als Journalist hat Gluchowski für folgende Medien gearbeitet oder tut es noch: Euronews, Deutsche Welle, RT, Harpers Bazaar, Playboy. Nach mehreren Auslandsaufenthalten lebt er zur Zeit wieder in Moskau.

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