RFE/RL: In der Ostukraine ist Folter eine neue Waffe

 

2014/05/21 • Deutsch

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(Englisches Video) Der ukrainische Bergmann Oleksandr Hurow beschreibt seine Behandlung in den Händen der Rebellen- Entführer: “Er brachte eine Glühbirne, zersplitterte das Glas mit einem Messer und begann mein Tattoo abzukratzen.”

Claire Bigg, RFE/RL, 21. Mai 2014
Übersetzung aus dem Englischen

In dem Moment, als er eine separatistische Fahne vom Hauptregierungsgebäude in seiner ostukrainischen Heimatstadt Novohradovka herunterriss, wusste Oleksandr Hurow, dass ihm Ärger bevorstand.

Die Vergeltung war schnell und rücksichtslos.

Zwei Wochen später liegt der 36-jährige Bergarbeiter mit einem gebrochenen Kiefer, einem Nasenbeinbruch, Risswunden am Arm und gebrochenen Rippen in einem Krankenhaus in Kyiw.

“Sie schlugen mich nonstop”, sagte er RFE/RL. “Ich lag auf dem Boden; … Sie haben mich getreten und mit einer Pistole auf den Kopf geschlagen. Einer von ihnen hielt meinen Arm ausgestreckt, während ein anderer darauf sprang. Von Zeit zu Zeit wurde ich ohnmächtig, das war gut so, weil ich dann den Schmerz nicht mehr ertragen musste.”

Hurow sagt, seine Angreifer nannten ihn “Verräter”, und versuchten, ihm die nationalistische Tätowierung (mit den Worten “Ehre der Ukraine, Ruhm den Helden”) am Oberam abzukratzen – mit den gezackten Rändern einer zertrümmerten Glühbirne.

Hurows grausige Geschichte ist eine, die einem im Osten der Ukraine zunehmend vertraut vorkommt, dort wo den pro-russischen Separatisten eine Vielzahl von Entführungen und Folter vorgeworfen wird, mit der sie versuchen, ihre Herrschaft über die Region zu festigen.

Sie haben die Geiselnahmen einfach so zugegeben, denen örtliche Beamte zum Opfer fielen, aber auch pro-ukrainische Aktivisten, Journalisten, Mitglieder ausländischer Beobachtungsmissionen, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und ganz allgemein alle, die für Kritiker an den im letzten Monat gebildeten selbsternannten “Volksrepubliken” in den Regionen Donezk und Luhansk gehalten werden.

Und mit der immer besser werdenden Organisation der separatistischen Bewegung scheinen die Entführungen immer systematischer und methodischer zu werden.

“Ich würde das nicht Einzelfälle nennen, wir können auf jeden Fall ein Muster erkennen,” sagt Anna Neistat von Human Rights Watch (HRW), die vor kurzem in die Region Donezk reiste, um die Entführungen zu untersuchen. “An jedem einzelnen Tag erhielt ich Berichte über eine weitere Person, die entweder entführt oder nach Schlägen und Folter in der Gefangenschaft wieder freigesetzt worden war,” sagt sie.

Nach den Abgaben von Neistat erlitten die von ihr interviewten Opfer “abscheuliche” Gewaltanwendung und Grausamkeit, die in vielen Fällen zu schweren Verletzungen führten.

HRW schätzt, dass derzeit von den Rebellen noch mehrere Dutzend Menschen festgehalten werden.

Anton, ein ehemaliger militanter Separatist, bestätigte die Vorwürfe in einem Interview mit RFE/RL.

‘Blutüberströmte, schreiende’ Geiseln

Der 25-jährige junger Mann, der aus Angst vor Repressalien nur seinen Vornamen angibt, sagte aus, er habe sich von den Aufständichen abgesetzt, nachdem er pro-ukrainische Geiseln gesehen hatte, die die Treppe des Gebäudes des Regionalrates von Donezk (dem Sitz der Separatisten) hinaufgezerrt wurden – blutüberstörmt, schreiend und mit über den Kopf gezogenen Kapuzen.

“Die Menschen werden geschlagen und dann ‘diszipliniert’,” sagte er. “Es ist ihnen verboten, das Wort ‘Ukraine’ zu verwenden oder ukrainisch zu sprechen, ihnen wird gesagt, das ist jetzt Russland. Also ja, Gefangene werden geschlagen und gefoltert. Dann werden sie an den Stadtrand gebracht und freigelassen.”

Aber nicht alle überleben die Tortur.

Im vergangenen Monat wurden die Leichen von zwei Männern in der Nähe der ostukrainischen Stadt Slowjansk in einem Fluss mit Folterspuren aufgefunden.

Einer von ihnen wurde als Wolodymyr Rybak, ein örtlicher Beamter, identifiziert, der am helllichten Tag entführt wurde, kurz nachdem er von einem pro-russischen Mob wegen der Abnahme der separatistischen Fahne angegriffen worden war.

Eine Reihe von Entführten wird seit Wochen vermisst, und es muss befürchtet werden, dass sie tot sind.

Simon Ostrovsky, ein US-amerikanischer Journalist, wurde von den Separatisten in Slowjansk drei Tage lang festgehalten. Er sagte aus, er habe ein Dutzend andere Gefangene im Keller des Amts der SBU-Staatssicherheit in Slowjansk gesehen, das die Rebellen besetzt haben. Neistat bezeichnet diesen Keller als “schwarzes Loch”, in dem viele Menschen spurlos verschwunden sind.

Nach Ostrovsky sind einige von ihnen schon seit zwei Wochen dort.

Wie die meisten anderen Geiseln sei Hurow, wie er selbst aussagt, am helllichten Tag von einer Gruppe von schwer bewaffneten, maskierten Männern entführt worden. Er sei zusammen mit fünf pro-ukrainischen Aktivisten ergriffen worden, einem Bergmann und Beamten aus Novohradovka, die loyal zur Regierung Kyiw standen. Sie hatten sich am 4. Mai getroffen, um zu besprechen, wie man die Spearatisten aus ihrer Heimatstadt verjagen könne.

Er besteht darauf, dass ihre Gruppe friedfertig war und sich vor allem auf die Beseitigung von separatistischen Flaggen von Gebäuden konzentriert hat.

Das schattenhafte Nervenzentrum

Die Aktivisten wurden in einem Kleinbus zum regionalen Ratsgebäude in Donezk gebracht, ein 11-stöckiges Gebäude, das heute als Sitz der “Volksrepublik Donezk” dient.

Der Bau ist von Barrikaden und Stacheldraht umgeben und ist als schattenhaftes Nervenzentrum der separatistischen Bewegung berüchtigt.

Gerüchten zufolge finden die Verhöre und Schläge auf der fünften und sechsten Etage statt.

Zeugen sagen aus, auf der zweiten Etage gebe es eine provisorische Krankenstation, mit eigenem Operationssaal und einer Besatzung von etwa 50 Sanitätern im Schichtbetrieb.

Hurow sagte, seine Entführer brachten ihn in den fünften Stock, nachdem sie ihn kurz vor dem Gebäude mit einer um den Kopf gewickelten ukrainischen Flagge paradieren ließen.

“Sie führten mich in ein Büro”, sagt er. “Ich konnte meine Freunde in den benachbarten Räumen schreien hören.”

Dort sei er mehrfach geschlagen, beleidigt, mit dem Tode bedroht worden, schließlich habe man ihm eine Substanz injiziert, die ihn benommen und desorientiert gemacht hat.

Er wurde am nächsten Tag freigelassen, angeblich im Austausch für gefangengenommene Separatisten.

Die anderen fünf Aktivisten wurden ebenfalls freigelassen. Alle erlitten schwere Verletzungen.

‘Gut geschliffene Verhör-Fähigkeiten’

Nach Angaben des früheren Separatisten Anton sind die Männer auf der fünften und sechsten Etage aus der Ostukraine.

Er sagt, sie verfügten über erfahrene Vernehmungsmethoden, was darauf hindeutet, dass sie einen Hintergrund bei den Strafverfolgungbehörden oder Nachrichtendiensten haben.

Aber er bestätigt auch Gerüchte, denen zufolge Kämpfer aus Russland kamen, darunter Kosaken-Einheiten, um die Separatisten zu unterstützen.

Er bestätigt außerdem die Berichte über eine provisorische Klinik im Regierungspräsidiums- Gebäude in Donezk, wo Sanitäter verwundete Kämpfer behandeln und gelegentlich Geiseln “flicken”.

Er behauptet, dass der in der vergangenen Woche begangene Angriff auf die Räume des Roten Kreuzes in Donezk, bei dem eine Gruppe von Rotkreuz-Helfern sieben Stunden lang festgehalten wurde, zum Ziel hatte, Medikamente für die separatistische Klinik zu besorgen.

Während der ganzen Zeit behauptete ein Sprecher der “Volksrepublik  Donezk”, die Rotkreuz- Mitarbeiter, von denen einer zusammengeschlagen wurde, seien wegen des Verdachts auf Spionage festgenommen worden.

Seit seiner Absetzung von den Separatisten lebt Anton in Angst, von seinen ehemaligen Waffenbrüdern “diszipliniert” zu werden.

“Wenn sie es herausfinden,” sagt er, “werden sie mir das nicht verzeihen.”

Hurow fürchtet um sein Leben und das Leben von Frau und Kind, die mit ihm nach Kiew gekommen sind, nachdem sie Drohungen erhalten hatten.

Er hat nicht vor, in den Osten der Ukraine zurückzukehren, wo die “Volksrepublik  Donezk” ihn zum Tode verurteilt habe.

Auf die Frage nach seinen Plänen für die Zukunft, ist Hurow ratlos.

Aber es gibt zwei Dinge, die er tun wird, sobald er aus dem Krankenhaus entlassen wird.

Erstens: Den Kampf für eine vereinte Ukraine fortsetzen.

Zweitens: Sein Tattoo wiederherzustellen.

“Ich verspreche, es wird noch schöner und heller als vorher sein”, witzelt er. “Es wird Narben geben, aber alles kann behoben werden. Alles wird gut werden.”

 

Quelle: http://www.rferl.org/content/eastern-ukraine-torture-weapon/25387572.html

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